Die Menopause in anderen Kulturen

Stell dir für einen Moment vor, du lebst in einem Dorf im heutigen Simbabwe, bei den Karanga.

Dort gibt es für den Moment, den du gerade durchlebst, einen eigenen Namen und ein eigenes Ritual: kugura nhowo, das Schneiden der Schilfmatte.

Eine Zeremonie, die öffentlich markiert, dass eine Frau und ihr Partner das gemeinsame Bett nicht mehr im selben Sinn teilen wie zuvor.

Stell dir vor, du lebst bei den Batlokwa im südlichen Afrika. Dort bekommst du in diesem Moment deines Lebens einen neuen Namen. Leina la bokgekelo nennt man diese Zeremonie, begleitet von Musik und Tanz, und von diesem Tag an nennt dich die Gemeinschaft anders als zuvor.

Du trittst der Gruppe älterer Frauen bei, die sich regelmäßig versammeln, um genau diese Erfahrungen zu teilen, die du gerade machst.

Stell dir vor, du lebst in Japan. Dort gibt es nicht einmal ein eigenes Wort für Hitzewallung.

Das Wort für deine Lebensphase, konenki, setzt sich aus drei Silben zusammen, die Erneuerung, Jahre und Jahreszeit oder Energie bedeuten.

Keine Rede vom Ende, sondern vom Übergang, von einem neuen Gleichgewicht, das sich erst noch einstellt.

Du lebst wahrscheinlich an keinem dieser Orte. Und trotzdem lohnt es sich, für einen Moment dorthin zu reisen – denn was diese Kulturen über deine Lebensphase wissen, könnte verändern, wie du sie selbst erlebst oder siehst..

Ein Übergang, kein Zustand

Der Ethnograf Arnold van Gennep prägte vor über hundert Jahren einen Begriff, der bis heute die Anthropologie prägt: rite de passage, Übergangsritus.

Er beobachtete, dass fast jede Kultur der Welt bedeutsame Lebensübergänge in drei Phasen fasst.

Zuerst eine Trennung von der alten Rolle.
Dann eine Schwelle, eine Zeit des Dazwischen, in der man weder das eine noch das andere ist.
Und schließlich eine Wiedereingliederung, in eine neue, oft höher angesehene Position innerhalb der Gemeinschaft.

Geburt, Pubertät, Heirat, Tod – für all das kennt praktisch jede Kultur ihre Rituale. Nur eine Schwelle bleibt in weiten Teilen der westlichen Welt bemerkenswert in ein Vakuum gepackt:
Der Übergang, den du gerade durchlebst oder durchlebt hast.

Kein Fest. Kein neuer Name. Keine Zeremonie.
Nur, in den meisten Fällen, eine stille, medizinisch gerahmte Angelegenheit, die man möglichst unauffällig hinter sich bringt.

Und das ist eine kulturelle Entscheidung – und andere Kulturen haben sich anders entschieden.

Die Weisheit, die du nie wieder verlierst

Bei vielen nordamerikanischen Nationen findet sich ein bemerkenswertes sprachliches Muster: Es gibt oft kein Wort für „Menopause“ im Sinne der modernen Medizin.

Stattdessen taucht die Vorstellung auf, dass eine Frau nach dieser Lebensphase ihre gesamte Weisheit bei sich behält, anstatt sie – wie in der monatlichen Blutung – regelmäßig herzugeben. Bei den Lakota Native Americans gilt:
Eine Frau, die nicht mehr menstruiert, trägt ihr gesamtes Wissen jetzt vollständig in sich.

Diese sprachliche Verschiebung hat real greifbare, soziale Folgen.

In zahlreichen indigenen Gemeinschaften erhalten postmenopausale Frauen Zugang zu Räten, Ritualen und Rollen, die vorher verschlossen blieben.

Weil ihr Körper begonnen hat, etwas anderes zu leisten: Und nun eine Autorität ist, die nicht mehr an Fruchtbarkeit gebunden ist. Ähnliche Berichte finden sich bei den Inuit der Arktis, wo mehrere Untersuchungen die Menopause überwiegend als natürlichen, unaufgeregten Teil des Lebens beschreiben – ohne die dramatische Symptomlast, die in vielen westlichen Studien dokumentiert wird, auch wenn eine eigenständige, historisch belegte Zeremonie dafür in der vorliegenden Forschung nicht beschrieben ist.

Die Stabträgerin des Nordens

Wir reisen weiter, in die Welt der nordischen Wikingerzeit. Dort begegnen wir der Völva – wörtlich „die Stabträgerin“. Isländische Sagas beschreiben sie, und archäologische Funde bestätigen es inzwischen:

Sie war eine ältere Frau, die sich von den engen Familienbanden gelöst hatte, die das Leben der meisten Frauen in der nordischen Clan-Gesellschaft sonst bestimmten.

Sie reiste durchs Land, oft von einer Schar junger Begleiter umgeben, wurde in Krisenzeiten gerufen, und man empfing sie mit einem erhöhten Ehrenplatz und größtem Respekt. Für ihre Dienste als Seherin und Ratgeberin wurde sie gut bezahlt.

Archäologen identifizierten europaweit rund vierzig Gräber, die durch eiserne Stäbe, ungewöhnliche Grabbeigaben und auffällig hohen Status als Gräber von Völven erkennbar sind.

Ihre gesellschaftliche Autorität, so will es scheinen, wuchs gerade in jenen Jahren, in denen die engeren Bindungen der jüngeren Weiblichkeit bereits hinter ihr lagen.

Diese Autorität der älteren Frau wird heutzutage in der gesamten westlichen Gesellschaft tabuisiert, ignoriert und abgewertet.

Baba — die Hebamme, die Wahrsagerin, die Weise

Noch weiter östlich, im slawischen Sprachraum, begegnen wir einer Figur, die zugleich gefürchtet und respektiert wird: Baba Jaga.

Das altrussische Wort „baba“, aus dem sich auch das heutige Wort für Großmutter, babuschka, entwickelte, bedeutete ursprünglich weit mehr als nur „alte Frau“ – es bezeichnete eine Hebamme, eine Wahrsagerin, eine weise Frau. In vielen alten Kulturen galten ältere Frauen als Hüterinnen des Stammes- und Familienwissens, vertraut mit den Geheimnissen von Geburt und Tod gleichermaßen, weshalb ihnen häufig die Aufgabe zufiel, Kranke und Sterbende zu begleiten.

Baba Jaga selbst trägt bis heute diese doppelte Natur: mal gefährliche Hexe, mal die Weise, die dem verirrten Helden genau den Hinweis gibt, den er braucht, um seinen Weg fortzusetzen. Diese Ambivalenz ist womöglich kein Zufall – sie spiegelt, wie unentschieden auch unsere eigene Kultur bis heute gegenüber der alten Frau bleibt: gefürchtet und gebraucht zugleich.

Zurück zu Japan, für einen Moment.

Eine Forscherin begleitete über mehrere Jahre hinweg 140 japanische Frauen durch ihre Wechseljahre – mit wöchentlichen Blutmessungen, täglichen Symptomprotokollen, unzähligen Interviews. Ihr Fazit: Die meisten dieser Frauen erlebten konenki als eine Passage, nach der sich Körper und Leben auf einem neuen, stabilen Niveau einpendeln würden – nicht, wie im Westen oft gedacht, als Anfang eines unaufhaltsamen Abstiegs.

Bemerkenswert ist dabei nicht nur der sprachliche  Unterschied, sondern dessen messbare Folge. Eine große Übersichtsarbeit, die dreizehn Studien zu Erwartungshaltung und Symptomerleben auswertete, fand in zehn von ihnen einen klaren Zusammenhang:

Frauen mit negativeren Einstellungen zur Menopause erlebten deutlich stärkere Beschwerden während des Übergangs – kein Zufall!

Es ist ein Hinweis darauf, dass die Geschichte, die eine Kultur über diese Lebensphase erzählt, sich buchstäblich in den Körper der Frauen einschreibt, die sie durchleben.

Von Nieren-Essenz und natürlichem Wandel

Auch die traditionelle chinesische Medizin, kennt für die Menopause ein eigenes Wort: juejing.

Sie gilt dort als natürlicher Teil des Alterns, verstanden als eine Verschiebung der Nieren-Essenz, die durch Ernährung, Ruhe und gezielte Kräuter genährt und ausgeglichen werden darf – als Zustand, der Pflege verdient.

In Indien zeichnen mehrere Untersuchungen ein ähnlich gelassenes Bild: Frauen berichten mehrheitlich von positiven Einstellungen und vergleichsweise milden Symptomen, wenn die Menopause als natürliche, sogar vorteilhafte Lebensphase gerahmt wird. Und bei den Aborigines Australiens gilt der Begriff „Menopause“ als unpassend und es wird die schlichtere, freundlichere Formulierung „Change of Life“, der Wandel des Lebens bevorzugt, ohne die medizinische Schwere, die das lateinische Wort mit sich trägt.

Die Hüterinnen der Anden

Auch in den Anden Südamerikas, bei den Quechua- und Aymara-Völkern, sind es vor allem die älteren Frauen, die als Hüterinnen des überlieferten Wissens gelten – der Webkunst, der Heilpflanzenkunde, der Sprache selbst. Ihre Verbindung zu Pachamama, der verehrten Mutter Erde, prägt bis heute Rituale der Aussaat und Ernte, in denen die Erde als lebendiges, atmendes Wesen behandelt wird, dem mit Respekt und Gaben begegnet werden will.

Eine eigenständige, historisch belegte Zeremonie speziell für die Menopause einer Frau ließ sich für diese Region in meiner Recherche nicht auffinden – und das erzählt selbst schon etwas Wichtiges: Manchmal liegt Anerkennung nicht in einem einzelnen Fest, sondern in einer über Jahrzehnte gewachsenen, alltäglichen Autorität als Wissensträgerin, die keiner eigenen Zeremonie bedarf, um vollkommen real zu sein.

Wenn eine Kultur ihr Ritual verloren hat, erfindet sie es neu

Interessant wird es dort, wo eine Kultur ihr ursprüngliches Ritual verloren hat, aber den Wunsch danach nicht.

Im englischsprachigen Raum entstand ab den 1990er-Jahren, maßgeblich getragen von der sogenannten Wise-Woman-Bewegung, eine bewusst neue Tradition: die Croning-Zeremonie.

Eine Frau nach der Menopause wird darin von einer Gemeinschaft anderer Frauen mit einem Kranz aus Blättern und Blüten gekrönt, spricht ein Bekenntnis zu ihrer neuen Rolle aus und wird als Crone – als weise, anerkannte Älteste – willkommen geheißen.

Diese Praxis ist ehrlich gesagt keine Wiederbelebung eines verlorenen antiken Ritus, sondern eine bewusste, moderne Schöpfung, oft eingebettet in das Bild der Dreifaltigen Göttin: Maiden, Mother, Crone – junge Frau, reife Frau, alte Frau, jede mit ihrer eigenen Würde.

Auch dieses Modell ist jünger, als man vermuten würde, maßgeblich geprägt vom britischen Dichter Robert Graves in den 1940er-Jahren.

Und trotzdem, oder gerade deshalb, zeigt sie etwas Wichtiges:

Wo eine alte Tradition fehlt, darf eine neue entstehen.

Bedeutung muss nicht immer geerbt werden. Manchmal darf sie bewusst geschaffen werden, von Frauen, die sich dafür entscheiden, sie gemeinsam zu (er)leben.

Und was ist nun mit dir und mir?

Hier stehen wir nun, in einer Kultur, die für Geburten Baby-Partys feiert, für Hochzeiten ganze Wochenenden plant, und für diesen Übergang des Wandels – oft den bedeutsamsten im zweiten Lebenshälfte einer Frau – nicht einmal ein Wort bereithält, das nicht nach Verlust und Abstellkammer klingt.

Wir sprechen von „den Wechseljahren“, als wäre es eine Baustelle, die man durchqueren muss, nicht ein Tor, durch das man eintritt. Wir flüstern über Hitzewallungen in Umkleidekabinen, als wäre es etwas, wofür man sich entschuldigen müsste.

Die gute Nachricht, wenn man sie so nennen will:

Wir dürfen wieder diese Frauen im Wandel Räume erschaffen. Wir dürfen in der Gesellschaft das Bewusstsein dafür schaffen, dass Frauen nach der Menopause bedeutende Rollen ausfüllen sollten.

Um uns daran zu erinnern, dass unsere eigene, oft ausschließlich medizinische Erzählung nur eine von vielen möglichen ist.

Weil eine Kultur, die diese Lebensphase als Erneuerung, als Sammlung von Weisheit, als Eintritt in einen neuen, angesehenen Stand erzählt, ihren Frauen nachweislich ein leichteres Erleben schenkt.

Vielleicht beginnt die eigene Übergangszeremonie nicht mit einem großen Fest. Vielleicht beginnt sie mit einem einzigen Satz, den du dir selbst zusprichst, wenn die nächste Hitzewelle kommt:

Das hier ist mein Übergang.

Und Übergänge, das lehren uns Kulturen rund um den Globus, verdienen es, anerkannt und wertgeschätzt, tief gefühlt zu werden.

Vielleicht ist genau das der erste, kleinste Rite of Passage, den du dir selbst schenken kannst – lange bevor du dich für ein größeres Ritual entscheidest, das diesen Namen auch offiziell trägt.

Möchtest du tiefer eintauchen in die Rituale, die Frauen weltweit für genau diesen Übergang feiern – und in ein eigenes, das du für dich selbst gestalten kannst? In „Die Menopause als Portal der Kraft“ begleite ich dich durch genau so einen Weg.