Die Beschneidung der Vorhaut

Was die Beschneidung dem Mann nimmt

 Ein medizinischer Eingriff, der jedes Jahr an Millionen Säuglingen vorgenommen wird, ohne ausreichende Betäubung, ohne Zustimmung, ohne dass das betroffene Baby oder Kleinkind mitzureden hat.

Würde man denselben Eingriff an einem erwachsenen Mann ohne seine Einwilligung vornehmen, wäre es eine strafbare Körperverletzung.

An einem acht Tage oder drei Jahre alten Jungen wird es Tradition, Hygiene oder einfach „normal“ genannt

Die Rede ist von der Beschneidung des männlichen Vorhauts. Und es wird Zeit, dass wir ehrlicher darüber sprechen, als wir es bisher getan haben.

Auch Jesus war beschnitten.

Wenn ich mir ansehe, warum eine Beschneidung vorgenommen wird, sind die Gründe sehr unterschiedlich, und keiner von ihnen dreht sich um das Kind selbst.

Der älteste Grund ist religiös. Im Judentum ist die Brit Mila am achten Lebenstag verankert in Genesis 17, ein Zeichen des Bundes zwischen Gott und Abrahams Nachkommen.

Im Islam gilt die Beschneidung als Sunna, als Reinheitsgebot und wird meist im Kindesalter vorgenommen.

Im Christentum war Jesus bereits beschnitten, als die heiligen Dreikönige nach Bethelehem kamen und es geht um das Ritual der Beschneidung, nicht um die Vorhaut an sich, WEIL: So steigt Gott hinab bis in den Körper des Menschen.

Diese Traditionen sind Jahrtausende alt und tief mit religiöser Identität verwoben, das erklärt die Praxis, es entkräftet nicht die Frage nach der Zustimmung.

Der zweite Grund ist historisch-medizinisch und deutlich jünger, als viele denken. Im viktorianischen England und in den USA des späten 19. Jahrhunderts wurde Beschneidung Teil einer breiten medizinisch-moralischen Bewegung gegen Masturbation, die man damals als Ursache zahlloser Krankheiten ansah.

Samuel-Auguste Tissots Schrift „L’Onanisme“ (1760) war den Anstoß dazu, mit einer Theorie, das Samen eine begrenzte Lebensessenz sind, deren Verlust zu Erblindung, Epilepsie, Schwindsucht und Wahnsinn führt. Seine Ideen beruhten auf antiken europäischen humoralpathologischen Vorstellungen (Galen u.a.).

Claude-François Lallemand (1790–1853) war ein französischer Chirurg und Professor für Medizin in Montpellier. In seinem dreibändigen Werk Des pertes séminales involontaires (1836–42) prägte er den Begriff Spermatorrhoe – die Vorstellung, unwillkürlicher Samenverlust sei eine eigenständige Krankheit.

Er empfahl dagegen unter anderem die Ätzung der Harnröhre mit Silbernitrat, und, wenn eine „übermäßig lange oder empfindliche“ Vorhaut als Ursache galt, die Beschneidung.

William Acton (1813–1875) war ein britischer Arzt, der Lallemands Theorien aufgriff und in England populär machte. Sein Buch The Functions and Disorders of the Reproductive Organs (1857) war eines der einflussreichsten viktorianischen Werke zum Thema männliche Sexualität und trug erheblich dazu bei, dass Ärzte in Großbritannien und den USA Masturbation als ernstzunehmende Krankheit behandelten, mit entsprechenden chirurgischen „Lösungen“.

Lallemand und Acton empfahlen Beschneidung explizit wegen der hohen Empfindlichkeit der Vorhaut als „Behandlung“ gegen Masturbation – dieselbe Empfindlichkeit, die die Sorrells-Studie 2007 wissenschaftlich bestätigt.

DIE SORELLS STUDIE

Die Sorrells-Studie (Sorrells et al., „Fine-touch pressure thresholds in the adult penis“, BJU International, 2007) hat mit einem standardisierten Feinberührungstest (Semmes-Weinstein-Monofilament-Test, dasselbe Verfahren, das auch in der Neurologie zur Sensibilitätsprüfung eingesetzt wird) verschiedene Stellen des Penis bei beschnittenen und unbeschnittenen Männern kartiert und verglichen.

Die Ergebnisse:

  • Die empfindlichste Stelle am gesamten Penis liegt im Übergangsbereich der Vorhaut zur Eichel (der sogenannten „Frenulardelta“-Zone), also einem Gewebeabschnitt, der bei einer Beschneidung vollständig entfernt wird.
  • Diese Zone ist empfindlicher als jede vergleichbare Stelle am beschnittenen Penis – selbst die empfindlichste verbliebene Stelle beim beschnittenen Mann reicht nicht an das heran, was beim unbeschnittenen Mann an dieser einen Stelle vorhanden ist.
  • Die Eichel selbst ist bei beschnittenen Männern statistisch signifikant weniger empfindlich gegenüber feinem Druck als bei unbeschnittenen Männern.
  • Bei beschnittenen Männern war die Beschneidungsnarbe selbst oft die empfindlichste verbliebene Stelle am Penis – ein Hinweis darauf, wie stark die ursprüngliche Sensibilitätsverteilung durch den Eingriff verändert wird.
Das bedeutet: Die Beschneidung entfernt die Gewebeanteile mit der höchsten Nervendichte am männlichen Genital.

Die Sorrell Studie ist eine der solidesten verfügbaren Datenquellen zu diesem Thema.

Was damals als Krankheitsursache operativ entfernt wurde, ist heute nachweislich die empfindlichste Zone des Lingams.

Der amerikanische Arzt John Harvey Kellogg, ja, der Cornflakes-Kellogg, gehörte zu den prominentesten Vertretern dieser Sichtweise und empfahl die Operation explizit als Mittel gegen „Selbstmissbrauch“ bei Jungen, teils bewusst ohne Betäubung, damit der Schmerz erzieherisch wirke.

Historiker sind sich einig, dass Kellogg nicht allein verantwortlich war, doch er stand exemplarisch für eine ganze Ärztegeneration, die Genitalchirurgie als Werkzeug der Moral verstand.

Aus dieser Bewegung heraus wurde die routinemäßige Säuglingsbeschneidung in den USA zur Norm, nicht aus religiösen, sondern aus längst widerlegten hygienisch-moralischen Gründen.

Der dritte Grund ist neuerer und tatsächlich evidenzbasiert, muss aber genau gelesen werden. Drei randomisierte, kontrollierte Studien in Kenia, Uganda und Südafrika zeigten in den 2000er-Jahren, dass Beschneidung das Risiko einer heterosexuellen HIV-Übertragung bei Männern um 50 bis 60 Prozent senkt. Die WHO und UNAIDS empfahlen daraufhin 2007 die Beschneidung als Baustein der HIV-Prävention in Hochprävalenzländern. Entscheidend dabei: In allen drei Studien handelte es sich um erwachsene, freiwillige Teilnehmer, die selbst einwilligten, informiert über Nutzen und Risiken.

Genau das ist der Unterschied: Bei einem acht Tage alten Säugling gibt es diese Zustimmung nicht, und die stärkste medizinische Evidenz, die für die Praxis existiert, betrifft genau die Gruppe, die im Säuglingsalter niemals gefragt wird.

Der vierte Grund schließlich ist der banalste:
In Teilen der USA wird bis heute beschnitten, einfach weil es der Vater auch wurde, weil es im Krankenhaus zur Routine gehört, weil die Krankenversicherung es übernimmt. Also eine gesellschaftliche Gewohnheit, die nicht hinterfragt wird.

Eine Zahl, die zu selten genannt wird

Weltweit sind laut Daten der Weltgesundheitsorganisation etwa 38 Prozent aller Männer beschnitten. Die Verteilung ist dabei alles andere als neutral: Über 90 Prozent im Nahen Osten und in weiten Teilen Nordafrikas, rund 71 bis 80 Prozent in den USA, aber nur 5 bis 20 Prozent in Europa, in Deutschland etwa 11 Prozent. Diese Zahlen zeigen etwas Wichtiges: Der Eingriff ist überwiegend kulturell und religiös motiviert, nicht medizinisch notwendig. Es gibt keinen Gesundheitszustand, unter dem 38 Prozent der männlichen Weltbevölkerung leiden und der einen chirurgischen Eingriff im Säuglingsalter rechtfertigen würde.

Die Psychologie, die lange ignoriert wurde

Neben der körperlichen Ebene gibt es noch eine zweite Ebene: die psychologische Auswirkung.

Ronald Goldman, promovierter Psychologe und Gründer des Circumcision Resource Center in Boston, hat dieser Frage ein ganzes Buch gewidmet: „Circumcision: The Hidden Trauma“.

Seine zentrale These, gestützt auf klinische Berichte, Interviews und jahrzehntelange Forschung:
Der Eingriff selbst mag im Säuglingsalter stattfinden und dem bewussten Erinnern entzogen sein, doch der Körper speichert ihn trotzdem, als somatischen Abdruck, der sich später in Schwierigkeiten mit Vertrauen, Körperkontakt und sexueller Präsenz zeigen kann.

Der Neurowissenschaftler Stephen Porges, Begründer der Polyvagal-Theorie, beschreibt mit dem Begriff Neurozeption, wie unser Nervensystem Sicherheit oder Gefahr bewertet, lange bevor der Verstand überhaupt beteiligt ist.

Ein Eingriff an einem Körper, der sich noch nicht wehren, noch nicht benennen, noch nicht einmal richtig erinnern kann, hinterlässt trotzdem eine Spur in genau diesem präkognitiven System.

Der Verstand vergisst. Das Nervensystem aber nicht.

Immer wieder derselbe Einwand

Ja aber es gibt doch medizinische Vorteile. Und ja, die Weltgesundheitsorganisation nennt tatsächlich einen gewissen Schutz vor Harnwegsinfektionen im Säuglingsalter, eine Verringerung des Übertragungsrisikos bestimmter sexuell übertragbarer Infektionen einschließlich HIV in Regionen mit hoher Prävalenz, sowie ein reduziertes Risiko für Peniskarzinome, ein ohnehin extrem seltenes Krebsleiden.

Die American Academy of Pediatrics kommt zu einer vorsichtigen Positionierung:

Die gesundheitlichen Vorteile überwiegen die Risiken geringfügig, doch sie reichen nicht aus, um eine routinemäßige Empfehlung für alle Neugeborenen auszusprechen.

Die Entscheidung, so die AAP wörtlich sinngemäß, gehört in die Hände der Eltern.

Genau das ist der Punkt. Die Entscheidung liegt in den Händen der Eltern, nur eben nicht in den Händen der Person, deren Körper tatsächlich betroffen ist.

Bei nahezu jedem anderen nicht notfallmedizinisch notwendigen chirurgischen Eingriff am Körper eines Kindes würden wir zu Recht fragen: Kann das nicht warten, bis der Betroffene selbst entscheiden kann?

Bei der Beschneidung wird diese Frage praktisch nie gestellt.

Wenn es um weibliche Genitalverstümmelung geht, herrscht international Konsens: Es ist eine Menschenrechtsverletzung, unabhängig von religiöser oder kultureller Begründung, unabhängig vom Grad des Eingriffs.

Die Vereinten Nationen, die WHO und praktisch jede westliche Regierung verurteilen sie unmissverständlich. Bei der männlichen Beschneidung, die ebenfalls ohne medizinische Notwendigkeit, ohne Einwilligung und mit dauerhafter Gewebeentfernung einhergeht, wird dieselbe Konsequenz kaum je gezogen.

Das ist kein Aufruf, die beiden Praktiken in ihrer körperlichen Schwere gleichzusetzen. Es ist ein Hinweis auf einen blinden Fleck:

Körperliche Autonomie (Willensfreiheit) scheint bei männlichen Körpern weniger zu zählen, als bei weiblichen.

Und welches Kind würde ja sagen, zu einer Beschneidung ohne eine ordentliche Betäubung?

Immer mehr Fachverbände weltweit bewegen sich, wenn auch langsam, in eine kritischere Richtung. Die niederländische, die dänische und die skandinavischen kinderärztlichen Gesellschaften haben sich in den vergangenen Jahren wiederholt kritisch zur routinemäßigen Beschneidung ohne medizinische Indikation geäußert und Elternentscheidungen ausdrücklich hinterfragt, gerade weil das Kind selbst nicht gefragt werden kann.

Was Männer in der Praxis berichten

In der klinischen und beraterischen Praxis, auch in meiner eigenen Arbeit mit Männern, taucht ein wiederkehrendes Muster auf, das sich schwer in Studien fassen lässt, aber immer wieder auftaucht:

Ein diffuses Gefühl, mit dem eigenen Genital nicht ganz vertraut zu sein.

Oft lebenslange Distanz. Manche Männer beschreiben es als taub, andere als funktional kontrolliert, aber ohne echte Tiefe der Empfindung.

Die wenigsten Männer wissen, woher dieses Gefühl stammt, weil es ihnen nie erlaubt war, diese Frage überhaupt zu stellen. Goldmans Interviews mit betroffenen Männern zeichnen genau dieses Bild nach: Die erste Reaktion ist nicht Wut, sondern Verwunderung, dass so lange niemand darüber gesprochen hat.

Ein Blick in die Geschichte: Wenn sogar die Theologie das Kind vergisst

Wie tief dieser blinde Fleck reicht, zeigt sich, wenn man zwei Jahrtausende zurückblickt. Die Beschneidung Jesu selbst wurde in der christlichen Tradition zu einem eigenen Fest, dem Fest der Beschneidung des Herrn, am 1. Januar, mit dem Fokus auf die Namensgebung statt auf den Schnitt.

In der Kunstgeschichte wurde das Motiv über Jahrhunderte gemalt, von byzantinischen Miniaturen bis zu barocken Altarbildern, und in mehreren europäischen Kirchen wurde jahrhundertelang eine angebliche Reliquie verehrt, die abgetrennte Vorhaut Christi selbst, zuletzt in einer Kirche im italienischen Calcata, bis sie 1983 gestohlen wurde.

Bis heute gibt es innerhalb der katholischen Theologie Stimmen, die eine Aufwertung dieses Festes fordern.

Der Schweizer Jesuit Christian Rutishauser etwa argumentiert, die Beschneidung zeige, dass Gott ganz konkret Mensch wird, im Leib, nicht nur im Geist, und dass der Ritus zentral für das christlich-jüdische Verhältnis sei. Das sind ernstzunehmende theologische Argumente.

Bemerkenswert ist, was in all diesen Debatten, über Jahrhunderte, in keinem einzigen Beitrag vorkommt: die Frage, ob das Kind selbst etwas dazu zu sagen hätte.

Genau das ist der Punkt. Ob man die Beschneidung religiös, kulturell oder medizinisch begründet:

Es wird über den Körper eines Kindes verhandelt, in Symbolik, Bund, Tradition oder Gesundheit, aber fast nie in der Kategorie, die bei jedem anderen irreversiblen Eingriff selbstverständlich wäre, nämlich seiner eigenen Zustimmung.
IM SHIVA CODE erhältst du 3 effektive sessions mit denen du dich selbst in die tiefe begleiten kannst.

Hier klicken für mehr Info>>

Was das für erwachsene Männer heute bedeutet

Der Punkt ist: Millionen erwachsene Männer tragen heute die Folgen einer Entscheidung, die vor ihrer eigenen Erinnerungsfähigkeit getroffen wurde, und fast niemand spricht mit ihnen darüber.

Die gute Nachricht: Was im Gewebe als Abdruck gespeichert ist, ist nicht endgültig.

Faszien, Nervenbahnen und das autonome Nervensystem sind formbar, ein Leben lang.

Achtsame, geduldige Körperarbeit kann neue Empfindungswege öffnen, auch dort, wo Gewebe fehlt.

 

Quellen: Sorrells et al., „Fine-touch pressure thresholds in the adult penis“, BJU International, 2007. Goldman, R., „Circumcision: The Hidden Trauma“, 1997. World Health Organization, Daten zur globalen Prävalenz männlicher Beschneidung. American Academy of Pediatrics, Stellungnahme zur Neugeborenenbeschneidung.